Die jüdische Gemeinde in Peckelsheim

Text: Klaus-Dieter Alicke, Fotos: Marco Janzen, veröffentlicht im August 2014

Anmerkung: Der Text stammt aus dem "Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum" (Internetseite) und wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors Klaus-Dieter Alicke hier veröffentlicht. Die Fotos stammen von Marco Janzen.

Die ehemalige Synagoge heute
Die ehemalige Synagoge heute

Juden siedelten sich erstmalig vermutlich gegen Mitte des 16. Jahrhunderts in Peckelsheim an. Für jüdische Händler war im 18./19. Jahrhundert das kleine Landstädtchen wegen seines Handels besonders mit landwirtschaftlichen Produkten relativ attraktiv. Wegen ihres Wohlstandes wurden die hiesigen Juden vom Gros der übrigen Bevölkerung beneidet; dies mag auch der Grund dafür gewesen sein, dass es im Frühjahr 1848 zu pogromartigen Ausschreitungen gegen die Peckelsheimer Juden kam, als eine Horde Landwehrmänner, die sich hier zum Appell aus den umliegenden Dörfern versammelt hatten, mit der Parole „Es lebe der König von Preußen – nieder mit den Juden!“ lärmend durch die Straßen zog. Darüber berichtete die „Allgemeine Zeitung des Judenthums” am 10.4.1848: „In hiesiger Stadt war gestern große Unruhe. 600 Landwehrmänner versammelten sich zum Appell; nachdem dieser beendet war, kam eine Horde von diesen Landwehrmännern in die Stadt, drang in die jüdischen Häuser, plünderte und raubte, was da war, warf die Fensterscheiben ein und zertrümmerte die Möbel. Obgleich nur zur Dämpfung dieses Unfuges 100 Mann genügt hätten, so sahen ... die hiesigen Bürger es ruhig und lachend mit an, wie von Auswärtigen ihren jüdischen Mitbrüdern Alles zertrümmert wurde. ...”

 

Der jüdische Friedhof, Mahnmal
Der jüdische Friedhof, Mahnmal

1856 konstituierte sich offiziell die Synagogengemeinde Peckelsheim, zu der auch zahlreiche kleinere Ortschaften des Umlandes zählten, so Altenheerse, Neuenheerse, Gehrden, Fölsen, Niessen und auch Willebadessen.
 
In den 1780er Jahren ließ die Gemeinde eine Fachwerksynagoge auf einem Gartengrundstück eines Hauses in der langen Straße errichten. Nach deren etwa 80jähriger Nutzung wurde in unmittelbarer Nähe, an der Rosenstraße, ein neues Synagogen- und Schulgebäude errichtet. Das zunächst eingeschossige Gebäude wurde in den 1920er Jahren aufgestockt.

In Peckelsheim wurde vermutlich um 1800 an der Wassertorstraße eine eigene jüdische Begräbnisstätte angelegt; der älteste vorhandene Grabstein trägt die Jahreszahl 1846.

 

 

Blick auf die Grabanlagen
Blick auf die Grabanlagen

Anzahl Juden in Peckelsheim:
Um 1650: 8 jüdische Familien,
um 1681: 13 jüdische Familien,
um 1719: 10 jüdische Familien,
um 1778: 21 jüdische Familien,
um 1802: 131 Juden (ca. 12% d. Bevölk.),
um 1843: 178 Juden,
um 1871: 138 Juden,
um 1888: 147 Juden,
um 1895: 88 Juden,
um 1909: 22 Juden,
um 1925: 27 Juden (in 6 Familien),
um 1932: 11 Juden.

 

Blick auf die Grabanlagen
Blick auf die Grabanlagen

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zählten die meisten Angehörigen der Kultusgemeinde zu den wohlhabenderen Einwohnern Peckelsheims. Bereits im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts setzte eine Abwanderungswelle ein, die sich bis zum Ersten Weltkrieg noch verstärkte. Innerhalb von nur zwei Jahrzehnten wurde die Gemeinde fast völlig bedeutungslos. Zur Zeit der Weimarer Republik wohnten nur noch sechs jüdische Familien in der Stadt. Beim Novemberpogrom von 1938 wurde das Synagogeninnere „beschädigt und unbrauchbar gemacht“, das Gebäude selbst blieb aber erhalten. Der jüdische Friedhof, der im Laufe der NS-Zeit schwer geschändet und dessen Grabsteine fast völlig zerstört worden waren, wurde um 1950 wieder instandgesetzt. Die noch vorhandenen Grabsteinfragmente integrierte man in ein quaderförmiges Mahnmal, das folgende Inschrift trägt: "Dahingeschiedene - verzeihet dass Brüche Euerer Grabsteine hier Verwendung fanden - nur durch diesen Bau konnte Euch eine Genugtuung gegeben werden." Nach Kriegsende wurde das ehemalige Synagogengebäude von der örtlichen Realschule genutzt; danach diente es als Lagerhaus für Getreide. Anfang der 1990er Jahre wurde es zu einem Wohnhaus umgebaut. In Löwen, einem anderen Ortsteil Willebadessens, gab es auch eine kleine jüdische Gemeinschaft.

 

Der jüdische Friedhof, weiteres Mahnmal
Der jüdische Friedhof, weiteres Mahnmal

Weitere Informationen:
- Adalbert Kleinert, Abriß einer Geschichte der jüdischen Bürger in der mittelalterlichen Stadt Peckelsheim, Maschinenmanuskript , o. J.
- Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Regierungsbezirk Detmold, J.P.Bachem Verlag, Köln 1998, S. 233 - 238
- Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 425/426
- Dina van Fassen, “Das Geleit ist kündbar”. Quellen und Aufsätze zum jüdischen Leben im Hochstift Paderborn von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis 1802, Historische Schriften d. Kreismuseums Wewelsburg, Band 3, Klartext-Verlag, Essen 1999, S. 116/117 und S. 163/164
- Anzahl Einwohner aus: Michael Brocke (Hrg.), "Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938", S. 426 + S. 644 und Elfi Pracht, "Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen", Reg.bez. Detmold, S. 234.